Kilimanjaro – Tag 3: Über das Shira Plateau und über 4.000 Meter
Eis auf den Zelten, weite Blicke und ein wunderschöner Weg über das Shira Plateau. Der dritte Tag wirkt landschaftlich entspannter, doch mein Körper zeigt immer deutlicher, dass knapp 4.000 Meter eine andere Welt sind.
Überblick
- Datum: 21. Juli 2026
- Route: Shira 1 → Shira 2 + Akklimatisierungsausflug
- Strecke: 10,45 km
- Höhenmeter: ↑ 568 Hm · ↓ 170 Hm
- Aufzeichnungsdauer: 5:38 h
- Garmin-Energieverbrauch: 1.425 kcal
- Höhe:
- Start 3.515 m
- höchster Punkt 4.019 m
- Ziel Shira 2 Camp: ca. 3.890 m
- Steigung bergauf: Ø 6,5 % / max. 28,4 % über 50-m-Fenster
- Gefälle bergab: Ø 6,7 % / max. 19,4 % über 50-m-Fenster
- Herzfrequenz: Ø 111 / max. 145 bpm
- Temperatur am Rucksack-Sensor: 4–23 °C*
- Pulse Ox / SpO₂: 82 % bei 3.912 m
Strecke und Landschaft
Der Tag beginnt mit einem Blick auf Eis. In der Nacht sinkt die Temperatur bodennah auf ungefähr minus sieben Grad, und morgens lässt sich tatsächlich eine dünne Eisschicht von den Zelten kratzen.


Morgens noch frostig, wird es ziemlich warm wenn die Sonne aufgegangen ist.
Gleichzeitig liegt vor uns heute eine deutlich weniger aggressive Hauptetappe als gestern.
Wir bewegen uns vom Shira 1 Camp über das weite Plateau zum Shira 2 Camp und hängen am Nachmittag noch einen eigenen Akklimatisierungsausflug an.

Zusammen kommen beide Aktivitäten auf 10,45 Kilometer, 568 Höhenmeter Aufstieg und 170 Meter Abstieg. Der Hauptweg über das Plateau ist wesentlich gleichmäßiger als die Etappe des Vortags. Die durchschnittliche positive 50-Meter-Steigung liegt bei etwa 6,5 Prozent. Und so kommen wir gut und entspannt voran.
Unterwegs wartet auch wieder der Küchenträger auf uns, mit einem Tisch voll mit Naschwerk, warmen und kalten Getränken und viel guter Laune im Gepäck, was für ein unglaublicher Service. Ein Picknick mitten im Nirgendwo.


Picknick mit Ausblick
Erst beim zusätzlichen Akklimatisierungsausflug wird es wieder deutlich steiler. Unser höchster aufgezeichneter Punkt liegt bei 4.019 Metern, bevor wir wieder zum Camp auf knapp 3.900 Metern zurückkehren.

Landschaftlich dominiert das Moorland des Shira Plateaus. Alles ist niedrig bewachsen, weit und offen. Das Plateau ist Teil des alten Shira-Vulkankomplexes und wirkt wie eine riesige Hochfläche zwischen den vulkanischen Strukturen. Für mich ist der Tag weniger durch spektakuläre Einzelstellen geprägt als durch das Gefühl von Weite und davon, dass wir uns nun langsam um den Kibo herum in Richtung der späteren Aufstiegsseite bewegen.
Ziel: Shira 2 Camp


Angekommen im Shira 2 Camp
Shira 2 liegt ungefähr auf 3.890 Metern und ist ebenfalls ein reines Zeltcamp. Es gibt eine Rangerhütte und je nach aktuellem Zustand einfache Latrinen beziehungsweise modernere solargestützte Toilettenanlagen. Die Wasserlogistik ist hier weniger selbstverständlich als in den tieferen Camps; Wasser wird von der Crew aus verfügbaren Quellen beziehungsweise Wasserläufen in der Umgebung geholt und aufbereitet. Das Camp liegt offen im Moorland und ist entsprechend windanfällig.
Das Camp-Leben selbst ist inzwischen fast Routine. Es gibt Mittagessen, ich kann wieder etwas mehr essen, und am Nachmittag bleibt nach dem Akklimatisierungsausflug Zeit zum Ruhen. Der Wind nimmt später deutlich zu, und am Abend bin ich froh, mich wieder im Zelt einkuscheln zu können.

Einmal hoch auf 4.000 Meter – und wieder zurück
Nach der Ankunft im Camp ist der Tag noch nicht vorbei.
Zur Akklimatisierung geht es noch einmal weiter nach oben, bis auf ungefähr 4.000 Meter. Das Prinzip dahinter ist simpel: climb high, sleep low. Also höher steigen, den Körper an die dünnere Luft gewöhnen und anschließend wieder etwas tiefer schlafen.
In der Theorie klingt das ziemlich unspektakulär. In der Praxis merkt man inzwischen sehr deutlich, dass man sich nicht mehr auf irgendeiner normalen Wanderung befindet.
Die Schritte werden langsamer, kleine Steigungen plötzlich erstaunlich anstrengend. Man läuft, bleibt stehen, atmet, läuft weiter. Nichts Dramatisches – aber der Körper beginnt sehr eindeutig mitzuteilen, dass hier oben andere Regeln gelten.
Gleichzeitig lohnt sich jeder einzelne Meter. Mit zunehmender Höhe öffnet sich der Blick immer weiter über die Landschaft. Das Shira-Plateau liegt unter uns, die Wolken ziehen teilweise weit unten durch die Täler und der Berg wirkt plötzlich noch einmal größer und gewaltiger.

Es ist einer dieser Momente, in denen Anstrengung und Schönheit sehr dicht nebeneinanderliegen.

Oben stehen überall kleine Steinstapel. Manche nur aus wenigen Steinen, andere deutlich größer. Irgendwann nutze auch ich die Gelegenheit, einen Stein auf einen der Stapel zu legen. Und natürlich gehört dazu ein Wunsch. Welcher das war, bleibt selbstverständlich geheim.


Wunschsteine hoch oben über den Wolken, näher am Himmel kann man einen Wunsch kaum äußern
Danach geht es wieder zurück zum Camp. Und obwohl der Ausflug objektiv gar nicht besonders lang war, fühlt er sich deutlich anstrengender an, als die nackten Kilometer vermuten lassen. Genau dafür ist er da. Der Körper soll lernen, mit der Höhe umzugehen.
Und ich beginne langsam zu verstehen, dass auf diesem Berg nicht Geschwindigkeit entscheidet, sondern Geduld.
Abschließend geht es an's frisch machen und selbst das ist hier oben eine kleine Herausforderung, dafür selbst dies mit grandiosem Ausblick.

Der Stein des Internets
Internet am Kilimandscharo ist eine ganz eigene Wissenschaft.
Es gibt ein paar wenige Stellen am Berg, an denen das Mobilfunknetz aus dem Tal irgendwie bis nach oben dringt. Oft sind das tatsächlich nur wenige Meter. Manchmal funktioniert der Empfang nur in einem ganz bestimmten Winkel – und vor allem muss man erst einmal wissen, wo man überhaupt suchen soll.
Ein ziemlich gutes Zeichen sind die Porter.
Die wissen inzwischen ganz genau, an welchen Stellen Empfang möglich ist. Wenn man sich also im Camp umschaut und irgendwo ein kleines Grüppchen Träger dicht beieinanderstehen sieht, alle mit dem Smartphone in der Hand und konzentriert auf das Display starrend, stehen die Chancen ziemlich gut, dass man gerade einen der seltenen Internet-Hotspots des Kilimandscharo entdeckt hat.

Also machten Michi und ich uns auch im Shira-2-Camp auf die Suche nach dem Netz. Und das war erstaunlich schwierig. Michi fand irgendwann tatsächlich eine Stelle, an der sein Telefon Empfang bekam – allerdings gefühlt nur, wenn er exakt dort stand und sich in einen ganz bestimmten Winkel zum Tal drehte. Bei mir: nichts.
Ich lief herum, hielt mein Telefon hoch, drehte mich nach links, nach rechts, ging zwei Schritte vor und wieder zurück. Offenbar sah ich dabei inzwischen so verzweifelt aus, dass mich irgendwann einer der Porter fragte, welches Mobilfunknetz ich denn hätte.
Durch meine Nomad-eSIM war ich bei Vodacom, Michi dagegen bei Airtel. Der Porter nickte nur, zeigte auf einen großen Stein vielleicht zehn Meter weiter und sagte sinngemäß: „Vodacom ist da drüben!“
Also kletterte ich auf diesen Stein. Und tatsächlich: Empfang. Der Vodacom-Stein.

Es sind genau solche kleinen Situationen, die immer wieder zeigen, wie unglaublich hilfreich und aufmerksam die Menschen hier sind. Und sie erinnern daran, wie sehr diese Reise von Zusammenarbeit lebt. Den Kilimandscharo irgendwie komplett allein zu machen, wäre vielleicht möglich – aber es wäre vermutlich nur ein Bruchteil so schön.
Später treiben wir das Ganze dann noch etwas weiter: Im Essenszelt bauen wir aus Metallbechern und Besteck eine Konstruktion, die wir großzügig als unseren „LTE-Repeater“ bezeichnen, und beginnen damit, das bisschen vorhandene Internet per Tethering untereinander zu verteilen. Hightech auf 3.900 Metern.
Irgendwie ist das schon absurd. Vor der Reise klingt der Gedanke, einfach einmal sieben oder acht Tage komplett offline zu sein, eigentlich ziemlich romantisch. Und grundsätzlich ist er das auch. Gleichzeitig merkt man aber erst dort oben, wie sehr man sich inzwischen daran gewöhnt hat, zumindest einmal am Tag einen kleinen Ping nach Hause schicken zu können.
Ein kurzes: Alles gut. Bin angekommen. Mehr braucht es eigentlich gar nicht.
Aber wenn selbst das plötzlich nicht möglich ist, fühlt sich die viel beschworene digitale Auszeit erstaunlich schnell weniger befreiend an, als man es sich vorher vorgestellt hat.
Mein Recap zur Strecke
Der dritte Tag ist insgesamt schön und weniger kräftezehrend als Tag 2. Das Plateau ermöglicht einen gleichmäßigeren Rhythmus, und der zusätzliche Ausflug über 4.000 Meter fühlt sich sinnvoll an, weil wir danach wieder tiefer schlafen. Gleichzeitig ist es der erste Tag, an dem die Höhe nicht nur in Zahlen, sondern ganz unmittelbar im Alltag auftaucht.

Kurze, schnelle Bewegungen reichen plötzlich, um einen deutlich aus der Puste zu bringen. Das ist eine merkwürdige Erfahrung, weil ich gleichzeitig normal essen kann, keine Kopfschmerzen habe und auch der Bauch keine Probleme macht. Ich fühle mich nicht „krank“, aber der Körper hat sichtbar weniger Reserve. Michi kämpft mit ähnlichen Effekten, und es hilft, dass wir uns darüber austauschen und gegenseitig ein bisschen stützen. Die Gruppe funktioniert an diesem Tag insgesamt gut und wir verbringen viel Zeit mit Gesprächen über ganz unterschiedliche Themen.


Die Flora muss hier ganz eigene Wege finden, mit den Temperaturunterschieden und den bizarren Bedingungen was Wasser und Licht angeht klar zu kommen
Gesundheitsauswertung
Der Garmin-Tageswert liegt bei 82 Prozent SpO₂ auf 3.912 Metern. Damit ist die Kurve inzwischen deutlich: Vor der Reise bewege ich mich meist im Bereich von 94 bis 97 Prozent, am ersten Camp sind es 88, an Shira 1 85 und hier 82 Prozent. Diese Werte sind keine medizinische Diagnostik, aber als konsistent erfasste Verlaufskurve zeigen sie sehr anschaulich, wie stark sich die größere Höhe auswirkt.
Wichtiger als die Zahl ist mein Befinden. Ich habe keine Kopfschmerzen, keinen auffälligen Magen, ich habe Appetit und kann die Strecke laufen. Gleichzeitig ist die Kurzatmigkeit deutlich. Ich habe den Eindruck, dass ich möglicherweise etwas zu wenig getrunken habe. Das nehme ich für den nächsten Tag ernst, denn morgen steht mit dem Lava Tower der erste Ausflug deutlich über 4.500 Meter an.

Während Hauptetappe und Akklimatisierungsausflug liegt meine gewichtete durchschnittliche Herzfrequenz bei rund 111, maximal bei 145 bpm. Der zusätzliche Ausflug ist trotz seiner Kürze spürbar intensiver als der Weg über das Plateau.

Ausrüstung
Die Nacht zeigt, dass mein Schichtsystem grundsätzlich funktioniert. Mit Merino-Unterwäsche, zusätzlichem Langarmshirt, langer Unterhose, Socken, warmem Schlafsack und inzwischen einer funktionierenden Isomatte kann ich die ungefähr minus sieben Grad erstaunlich gut aushalten. Das Problem beginnt erst, wenn ich nachts aus dem Schlafsack muss. Viel trinken ist für die Akklimatisierung sinnvoll, häufige Toilettengänge bei diesen Temperaturen aber alles andere als attraktiv.
Tagsüber trage ich an den Beinen eine Merino-Unterhose, darüber die Lauf-Leggings und die kurze Wanderhose. Am Oberkörper kombiniere ich T-Shirt und Fleece. Morgens ist die Wollmütze angenehm, später wechsle ich auf den Sonnenhut.
Heute probiere ich die teurere Julbo-Bergbrille intensiver aus. Sie ist technisch schick, aber für mein Gesicht offenbar nicht ideal: Sie ist mir teilweise zu dunkel, sitzt nicht perfekt und beginnt zu drücken beziehungsweise zu kratzen. Am Ende lande ich wieder bei meiner günstigen (20€) Kategorie-4-Brille, die schlicht bequemer ist und genau so gut funktioniert.
Außerdem zeigen sich die ersten echten Packlisten-Learnings. Ich habe zu wenige T-Shirts dabei. Obwohl die Tagesstrecken teilweise gar nicht extrem lang sind, schwitze ich genug, dass ich eigentlich fast jeden Tag zwei frische Shirts gebrauchen könnte. Noch banaler ist die Erkenntnis, dass mir offene Camp-Schuhe fehlen. Crocs oder einfache Sandalen wären nachts Gold wert, weil ich nicht jedes Mal Trailrunning- oder Wanderschuhe anziehen möchte.
Für die nächsten Tage kommen Buff und dünne Linerhandschuhe immer stärker in den Fokus. Der Buff schützt den Nacken dort, wo der Sonnenhut beim Bergaufgehen Lücken lässt, und die Handschuhe schützen nicht nur vor Kälte, sondern auch die Handrücken vor Sonne, wenn ich die Trekkingstöcke benutze. Was ich tatsächlich vergessen habe, ist UV-Lippenpflege. Ich nutze vorerst normale Sonnencreme, elegant ist das nicht.